Wie zerstören Emotionen das Portfolio eines Anlegers?

Wie Emotionen das Portfolio eines Investors zerstören
Wie Emotionen das Anlegerportfolio zerstören, Foto: corporatefinanceinstitute.com

Die Fülle an Emotionen, die uns im Leben begleitet, überrascht immer wieder. Neben den bewussten Gefühlen wie Hoffnung, Angst, Eifersucht oder Liebe gibt es eine ganze Bandbreite an Emotionen, die außerhalb unseres bewussten Erlebens liegen. Sie begleiten uns in jedem Lebensbereich. Und obwohl Investitionen eigentlich auf Berechnungen, Prognosen und Logik basieren sollten, treten in diesem Zusammenhang oft viel intensivere Gefühle auf, als man zunächst vermuten würde. Also, wie zerstören Emotionen das Portfolio eines Investors? Wie beeinflussen sie finanzielle Entscheidungen? Welche Verhaltensmuster wiederholen wir beim Investieren – und warum lassen wir so leicht zu, dass Emotionen die Oberhand gewinnen?

Wer ist der moderne Investor und was sucht er?

Der moderne Investor ist eine weitaus komplexere Figur als das klassische Bild des seriösen Portfoliomanagers. Wie Meir Statman in seinem Buch Behavioral Finance (CFA Institute Research Foundation) betont, lassen sich Investoren nicht ausschließlich von rationalen Überlegungen zu Risiko und erwarteter Rendite leiten. Ebenso häufig folgen sie Emotionen, kognitiven Abkürzungen und gesellschaftlichen Trends.

Statman weist darauf hin, dass Investoren nicht nur auf finanzielle Gewinne aus sind. Sie streben auch nach psychologischer Befriedigung. Durch Investitionen stillen sie das Bedürfnis nach Sicherheit, Status und sogar nach dem Vergnügen, das der Investitionsprozess und das Risiko selbst mit sich bringen. Studien zeigen, dass verschiedene Anlegertypen unterschiedlich auf diese Reize reagieren – Amateure unterliegen häufiger Anker-, Repräsentativitäts- oder Verfügbarkeitsfehlern. Profis hingegen nutzen dieselben kognitiven Abkürzungen bewusster und selektiver. Interessanterweise unterscheiden sich Investoren verschiedener Generationen in ihren Prioritäten. Deshalb suchen die Gen Z und jüngere Millennials nicht nur nach Rendite, sondern auch nach Investments, die mit ihren Werten übereinstimmen. Für sie sind ESG -Kriterien genauso wichtig wie Quartalsergebnisse. Sie setzen auch gerne auf Zukunftstechnologien. Jüngere Investoren lassen sich bei finanziellen Entscheidungen stärker von sozialen Medien beeinflussen.

Ältere Generationen hingegen konzentrieren sich häufiger auf die Sicherheit des Kapitals und ein stabiles, vorhersehbares Wachstum. Der gemeinsame Nenner aller Gruppen ist jedoch das Streben, das eigene Portfolio auf eine Weise zu optimieren, die nicht ausschließlich mathematisch ist. Deshalb ist der moderne Investor jemand, der zwischen Risiko, Emotionen und persönlichen Zielen balanciert, und der Anlageerfolg hängt in hohem Maße vom Bewusstsein für eigene Vorurteile und kognitive Fallen ab. Wie sieht also das Portfolio eines Investors im 21. Jahrhundert aus und nach welchen Kriterien wird es zusammengestellt?

Welche Emotionen begleiten das Investieren am häufigsten und was ist damit verbunden?

Der moderne Investor ist, basierend auf den Analysen von Mitroff (2011) sowie empirischen Studien zum Einfluss von Industriekrisen auf den Aktienwert, eine komplexe Figur. Rational, gesellschaftlich bewusst, aber auch anfällig für Marktemotionen. Die Logik legt nahe, dass der Investor ein Unternehmen durch das Prisma der erwarteten Cashflows bewertet. Gerät ein Unternehmen also in eine Krise, können diese aufgrund von materiellen Kosten, Gerichtsverfahren oder dem Verlust von Kunden sinken.

Aber der moderne Investor achtet längst nicht mehr nur auf Zahlen. Auch der Ruf eines Unternehmens und sein Engagement für gesellschaftliche Verantwortung spielen eine entscheidende Rolle. Ein plötzlicher Reputationsverlust oder Versäumnisse im Zuge einer Krise können den Aktienwert im Handumdrehen einbrechen lassen, selbst wenn die unmittelbaren finanziellen Verluste vergleichsweise gering sind. Ein Paradebeispiel ist Exxon-Valdez – die Umweltkatastrophe von 1989 verursachte enorme Imageschäden, die sich kurzfristig auf die Bewertung des Unternehmens auswirkten, obwohl dessen finanzielle Grundlagen relativ stabil waren. Ähnlich zeigte die Tragödie von Bhopal im Jahr 1984, wie mangelnde soziale Verantwortung und Fehler im Krisenmanagement eine Welle der Verunsicherung unter Investoren auslösen und die Aktienkurse sowie die langfristige Wahrnehmung des Unternehmens dramatisch beeinflussen können. Auch die Explosion der Bohrplattform Deepwater Horizon im Jahr 2010 führte zu einer massiven Reputationskrise und beeinflusste die Bewertung des Unternehmens. Die Aktien von BP stürzten so stark ab wie nie zuvor.

Darüber hinaus bestätigen Studien, dass Emotionen wie Angst und Unsicherheit die Marktreaktionen verstärken können. Sie führen häufig zu kurzfristigen Preisschwankungen. In diesem Sinne bedeutet Investieren für den modernen Anleger nicht nur das Streben nach maximalem Gewinn, sondern auch die Suche nach Stabilität, Sicherheit und Vorhersehbarkeit. Er berücksichtigt sowohl harte finanzielle Fundamentaldaten als auch immaterielle Wertfaktoren eines Unternehmens – von der Reputation bis zur gesellschaftlichen Verantwortung. Er weiß, dass in einem dynamischen Marktumfeld beide Elemente über Erfolg oder Misserfolg einer Investition entscheiden können.

Funktioniert das, was im Leben funktioniert, auch beim Investieren?

Funktioniert das, was uns im Alltag hilft, auch beim Investieren? Meir Statman zeigt in seinem Buch, dass Emotionen und Verhaltensmuster, die uns im Leben helfen zu überleben und Beziehungen aufzubauen, in der Finanzwelt auf sehr ähnliche Weise wirken – zumindest auf den ersten Blick. Im Alltag sind unsere Empathiefähigkeit, das schnelle Reagieren auf Gefahren oder das intuitive Deuten von Signalen anderer Menschen ein großer Vorteil: Sie ermöglichen es uns, Gefahren zu vermeiden, Bindungen zu pflegen und soziale Entscheidungen effizient zu treffen. Beim Investieren sorgen dieselben „emotionalen Filter“ dafür, dass wir Finanzdaten nicht rein mathematisch interpretieren, sondern durch die Brille unserer Erfahrungen, Ängste und Erwartungen betrachten. Ähnlich wie wir versuchen, die Absichten oder Gefühle eines anderen Menschen zu erkennen. Man muss jedoch bedenken, dass Emotionen letztlich eine Reihe biochemischer Reaktionen sind, die dazu dienen, Reaktionswege abzukürzen und extrem schnell zu machen. Sie waren in Situationen existenzieller Bedrohung hervorragend geeignet. Sie sind jedoch eine Abkürzung, die die logische Analyse umgeht.

Das Problem entsteht immer dann, wenn Emotionen beginnen, den r ationalen Urteilsvermögen zu dominieren. Die Angst vor Verlusten kann zu panikartigen Aktienverkäufen führen. Euphorie hingegen verleitet dazu, zu Höchstpreisen zu kaufen. Statman weist darauf hin, dass evolutionäre Mechanismen, die einst unser Überleben sicherten, im Anlagebereich das Portfolio eines Investors zerstören können. Muster, die im Alltag Bindung und Sicherheit schaffen, können in der Finanzwelt übermäßige Reaktionen hervorrufen, kurzfristige Fehler verursachen und Marktschwankungen auslösen, die in keiner Weise den fundamentalen Wert eines Unternehmens widerspiegeln. Kurz gesagt: Unsere Emotionen können, wenn sie aus dem Kontext der alltäglichen Anpassung herausgelöst werden, zum größten Feind des Anlegers werden – und nicht zu seinem Verbündeten.

Verhaltensmuster beim Investieren und ihr Einfluss auf das Anlageportfolio

Verhaltensmuster beim Investieren wirken wie unsichtbare Fäden, die Emotionen in jede finanzielle Entscheidung einweben – oft noch bevor wir sie bewusst analysieren können. Wie Meir Statman feststellt, leidet das Portfolio eines Anlegers nicht nur unter Angst, Unruhe oder Panik – Emotionen, die wir traditionell als „negativ“ betrachten. Ebenso zerstörerisch können positive Gefühle sein, wie Euphorie, übermäßiges Selbstvertrauen oder das Verlangen nach sofortigem Gewinn. Angst kann einen Anleger dazu bringen, Aktien am Tiefpunkt zu verkaufen, während Euphorie dazu verleitet, auf dem Höhepunkt des Marktes riskante Positionen einzugehen. Beiden Reaktionen ist eines gemeinsam: Sie führen dazu, hoch zu kaufen und niedrig zu verkaufen – die klassische Verhaltensfalle, die die Performance des Portfolios ruiniert.

Studien von Statman und anderen Vertretern der verhaltensorientierten Finanzschule zeigen, dass Menschen Marktsignale durch einen „emotionalen Filter“ wahrnehmen, der sich im Laufe der Evolution entwickelt hat. Im Alltag hilft dieser Filter, zu überleben und Beziehungen aufzubauen. Beim Investieren hingegen versagt er oft, da die Märkte langsamer oder anders reagieren, als es die emotionale Intuition vermuten lässt.

Beispielsweise kann eine übermäßige Fixierung auf eigene Erfolge zum sogenannten Overconfidence Bias führen. Der Investor überschätzt seine Fähigkeiten und ignoriert Risiken, die ihn bei rationaler Betrachtung zur Vorsicht mahnen sollten. Die Bindung an „Lieblingsaktien“ (Endowment-Effekt) wiederum führt dazu, dass wir diese zu lange halten – selbst wenn Marktsignale klar zum Verkauf raten. Das Endergebnis? Sowohl negative als auch scheinbar positive Emotionen können die Portfolio-Performance systematisch untergraben. Deshalb verwandeln Verhaltensmuster alltägliche Instinkte in finanzielle Fallen.

Wie kann man also sein Portfolio vor den eigenen Emotionen und Verhaltensmustern schützen?

Vor allem – Bewusstsein ist der erste Schritt. Ein Investor, der seine typischen Fallen kennt – übermäßiges Selbstvertrauen, die Bindung an „Lieblings“-Aktien oder die Neigung zur Panik – hat bessere Chancen, rationale Entscheidungen zu treffen trotz des emotionalen Filters. Der nächste Schritt ist Disziplin und Planung: Das vorherige Festlegen von Ein- und Ausstiegsregeln bei Investitionen begrenzt das Risiko impulsiver Reaktionen auf kurzfristige Marktschwankungen.

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Foto: etmoney.com

Ebenso wichtig ist die Diversifizierung des Portfolios – sowohl hinsichtlich der Anlageklassen als auch geografisch. Das verringert die Auswirkungen einzelner Krisen und reduziert emotionalen Stress. Schließlich empfehlen Verhaltensökonomen regelmäßige Selbstreflexion. Es bewährt sich, ein Investmenttagebuch zu führen. Diese Gewohnheit hilft, wiederkehrende emotionale Muster zu erkennen und zu lernen, welche „lebensnahen“ Reaktionen beim Investieren hilfreich sind und welche dem Portfolio schaden.

Wie zerstören Emotionen das Portfolio eines Anlegers – und wie kann man dieser Verhaltensfalle entgegenwirken?

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Emotionen beim Investieren wirken wie eine unsichtbare Steuer. Sie können Gewinne schmälern, zu impulsiven Entscheidungen führen und übermäßige Risiken verursachen. Sowohl negative Emotionen wie Angst, Panik oder Frustration als auch scheinbar positive wie übermäßige Euphorie oder Selbstüberschätzung können dazu führen, dass man zum falschen Zeitpunkt verkauft, überbewertete Anlagen kauft oder verlustreiche Positionen zu lange hält. Um ihren Einfluss zu begrenzen, lohnt es sich, einige praktische Strategien anzuwenden:

  1. Bewusstsein der eigenen Emotionen – führe ein Investmenttagebuch. Notiere deine Reaktionen auf Marktschwankungen. Erkenne typische Verhaltensmuster, die in Krisen- oder Euphoriephasen auftreten.
  2. Investitionsplan und Disziplin – Lege im Voraus klare Regeln für den Einstieg, Ausstieg und Stop-Loss-Niveaus fest, damit deine Entscheidungen nicht von spontanen Impulsen bestimmt werden.
  3. Diversifikation – verteile das Risiko auf verschiedene Anlageklassen und Regionen. So reduzierst du den emotionalen Druck, der durch plötzliche Wertverluste einzelner Investitionen entsteht.
  4. Langfristige Perspektive – denke in Monaten und Jahren, nicht in Tagen und Stunden; kurzfristige Marktschwankungen sollten Deine Entscheidungen nicht bestimmen.
  5. Regelmäßige Selbstreflexion – überprüfe regelmäßig deine Entscheidungen, ziehe daraus Schlüsse, lerne aus Fehlern und Erfolgen, damit deine instinktiven Emotionen zu deinem Verbündeten werden und nicht zu deinem Feind. So tragen Emotionen dazu bei, dein Investitionsportfolio aufzubauen, anstatt es zu zerstören.

Mit diesen einfachen, aber wirkungsvollen Schritten lässt sich der emotionale Filter, der über Jahrtausende im Alltag das Überleben sicherte, in ein Werkzeug verwandeln, das eine stabile und bewusste Entwicklung des Investmentportfolios unterstützt.